Unsere Institutsgeschichte

Wann beginnt die Geschichte unseres Fachbereichs und wer sind ihre prägenden Exponenten? Fragen, die nicht von kurzer Hand zu beantworten sind. So weisen etwa Poya und Reinkowski (2008) auf die erst lückenhaft erforschte Fachgeschichte der deutschsprachigen Islamwissenschaft hin, deren Erschließung noch eine detaillierte Rekonstruktion voraussetzt. Dies kann im Folgenden nicht geschehen. Stattdessen möchten wir hier lediglich die historischen Kontexte und damit einhergehenden institutionellen Umbrüche des Orientalischen Instituts Leipzig skizzieren.  

Die Geschichte der Orientalistik in Leipzig reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. In dieser Zeit fungierten die arabistischen Lehrstühle Europas noch als eine der Theologie verpflichte Hilfswissenschaft. So verhielt es sich auch mit der ersten Professur für arabische Sprache an der Universität Leipzig, die Johann Christian Clodius (1676-1745) im Jahr 1728 antrat. Auf Clodius folgte sein einstiger Student Johann Jacob Reiske (1716-1774), der mit seinen philologischen Studien die wissenschaftliche Arabistik in Leipzig begründete. Als Wegbereiter eines neuen Orientalistik-Konzepts sprach er sich als einer der Ersten für die Emanzipation des Fachbereichs von der Theologie aus. Mit seinen Reformideen stieß er jedoch auf Unverständnis und Widerstand seitens seiner Fachkollegen. Die Umsetzung seiner Vision durch die Errichtung der École spéciale des langues orientales vivantes (1795) in Paris, erlebte Reiske nicht mehr

Angefangen in Paris wurde die Arabistik 1836 auch in Leipzig an die Philosophische Fakultät angegliedert. Diesen Fakultätswechsel trieb Heinrich Leberecht Fleischer (1801-1888) maßgeblich mit voran, der dem Studienstandort Leipzig sodann zu internationalem Ruf verhalf. Bevor dieser jedoch den neugegründeten Lehrstuhl für morgenländische Sprachen übernahm, studierte er mehrere Jahre in Frankreich bei Antoine Silvestre de Sacy (1758-1838), dem eine Schlüsselfunktion in der Ausgestaltung einer philologisch orientierten Orientalistik zukam. Weniger ruhmreich war hingegen sein Anteil daran, den sog. Orient mittels einer philologischen Begründungslogik als Inbegriff der Antimoderne zu konstruieren, was gleichzeitig als eine Legitimationsgrundlage für dessen koloniale Durchdringung fungierte. Sacy war es schließlich auch, der 1824 den Vorsitz der Societé Asiatique (1824) übernahm, nach deren Vorbild Fleischer und andere Orientalisten 1845 die Deutsch Morgenländische Gesellschaft (DMG) gründeten. Nach dem Tod von Fleischer übernahm August Socin (1844-1899) den Leipziger Lehrstuhl.

Während das Studium in Deutschland bis ins 19. Jahrhundert hinein ausschließlich Männern vorbehalten war, war es ab 1908 auch Frauen möglich an der Universität Leipzig zu studieren. In dieser Zeit wirkte August Fischer (1865-1949) als Lehrstuhlinhaber, der auf organisatorischer Ebene eine neue Etappe einleitete. Gemeinsam mit seinem Kollegen Heinrich Zimmern (1862-1931) gründete er das Semitistische Institut (1900), das sich zu einer international renommierten Einrichtung auf dem Gebiet der Philologie entwickelte. Neben Fischer wirkten vor allem Hans Stumme (1864-1936) und Paul Schwarz (1864-1938) als international geachtete Hochschullehrer. Die nationalsozialistische Machtübernahme führte sodann zur Vertreibung von Kolleginnen und Kollegen aus angrenzenden Disziplinen und zu massiven Einschränkungen des Forschungsbetriebes. In diesem Rahmen erfolgte auch die Umbenennung des Semitistischen in Orientalisches Institut (1934). Zur Zeit des Nationalsozialismus entstand auch das Arabisch-Deutsch Wörterbuch von Hans Wehr (1909-1981), was u.a. als Grundlage dienen sollte, um Hitlers „Mein Kampf“ zu übersetzen. Hieran mitgearbeitet hat auch die jüdische Islamwissenschaftlerin Hedwig Klein. Nachdem ihr trotz bester Bewertung die Promotionsurkunde versagt wurde, fand Hedwig Klein 1940 über Umwege eine Anstellung bei Hans Wehr. Ihre Mitarbeit am Wörterbuchprojekt und der Einsatz ihres Doktorvaters Arthur Schaade konnte sie kurzweilig vor der Deportation bewahren, ihre Ermordung im Konzentrationslager Auschwitz jedoch nicht verhindern.

Nachdem die Universität Leipzig ihren Lehrbetrieb 1946 wieder aufnahm, gehörte vorerst der Wiederaufbau des Instituts und die Neubestückung der Bibliothek zu den vorrangigen Aufgaben. Hierbei ist es vor allem dem Altorientalisten Hans-Siegfried Schuster (1910-2002) zu verdanken, aus verschiedenen Nachlässen eine beachtliche Sammlung zusammengestellt zu haben, die bis heute das Rückgrat unserer Institutsbibliothek bildet. Nach seinem Weggang aus Leipzig bauten insbesondere die Arabisten Wolfgang Reuschel (1924-1991), Günther Krahl (1932-1992) und Dieter Bellmann (1934-1997) die Lehre und Forschung auf dem Gebiet der arabischen Philologie auf. Diese schloss nunmehr eine Dolmetsch- und Übersetzungsausbildung ein. In diesem Zusammenhang wurde das Leipziger Standardwerk „Lehrbuch des modernen Arabisch“ (1974) konzipiert und praktisch erarbeitet, das Dank steter Weiterentwicklung durch Eckehard Schulz mittlerweile weltweit in Gebrauch ist. Hieran mitgearbeitet haben auch Ingelore Goldmann und Regina Karachouli, die uns in einem persönlichen Gespräch Einblicke über ihre langjährigen Erfahrungen als ehemalige Dozentinnen in der DDR gaben. Beide Frauen waren in der Abteilung Arabistik angestellt, welche neben der Altorientalistik, der Abteilung für Geschichte Nordafrikas und des Nahen Ostens sowie der für Ökonomie sowie Staat und Recht Teil des DDR-weit einzigen Lehr- und Forschungsverbunds Arabische Staaten war. Grundsätzlich verschob sich das wissenschaftliche Profil in dieser Zeit von der traditionellen philologisch-historischen Orientalistik hin zu einer anwendungsbezogenen Sprach- und Übersetzungswissenschaft sowie regionalwissenschaftlichen Ausbildung und Forschung, welche den praktischen Erfordernissen und politischen Rahmenbedingungen der Zeit angepasst war.

Die Wiedervereinigung zog sodann große strukturelle, fachliche, und personelle Veränderungen in den ostdeutschen Hochschulen nach sich. Dies betraf auch das Orientalische Institut Leipzig, was 1994 an die Fakultät für Geschichte, Kunst- und Orientwissenschaften angegliedert wurde und somit seine Eigenständigkeit zurückerlangte. In fachlicher Hinsicht wurde das Institut in die vier Schwerpunkte Kultur und Geschichte, Arabische Sprach- und Übersetzungswissenschaft, Islamisches Recht sowie Wirtschafts- und Sozialgeographie unterteilt, von denen heute noch die ersten drei Bestand haben und durch jeweils eine Professur besetzt sind.

Lehren und Lernen in der DDR

Das Orientalische Institut Leipzig blickt auf eine lange, traditionsreiche Geschichte zurück. Zu dieser gehört auch, dass es während der DDR-Zeit den einzigen Lehr- und Forschungsverbund für Arabische Staaten in Ostdeutschland stellte. Die Forschungsliteratur beleuchtet diesen Teil unserer Institutsgeschichte bisher nur vereinzelt und überwiegend institutsübergreifend. Weitestgehend unbekannt ist, dass die Leipziger Arabistik Abteilung mit der modernen Arabischausbildung etwas Originäres geschaffen hatte. So wurden im Rahmen der arabischen Sprachausbildung in Leipzig die Erkenntnisse zum modernen Fremdsprachenunterricht erstmals auf eine außereuropäische Sprache angewendet. Dadurch war der Arabischunterricht in Leipzig wesentlich praktischer und zeitgenössischer ausgerichtet als in anderen deutschen Universitätsinstituten. Dies spiegelte sich auch in der praxisnahen und didaktisch-methodischen Konzeption des Leipziger Standardwerks „Lehrbuch des modernen Arabisch“ (1974) wider. Unter Leitung von Professor Reuschel haben auch die Doktorinnen Ingelore Goldmann und Regina Karachouli an diesem Lehrbuch mitgearbeitet. In einem persönlichen Gespräch gaben die beiden ehemaligen Dozentinnen Einblicke in ihre Erinnerungen an das Arbeitsumfeld sowie die Lehr- und Lernpraxis in und nach der DDR.

Drin Ingelore Goldmann wurde 1941 in Bautzen geboren. Nach ihrem Abitur studierte sie Geschichte und Sorbisch auf Lehramt. Ihre Leidenschaft für Sprachen veranlasste sie dazu, ein Zweitstudium der Arabistik zu beginnen. Daraus entwickelte sich eine über 30-jährige Lehr- und Forschungstätigkeit (1971-2004) an unserem Institut und die gleichzeitige Arbeit als Dolmetscherin. Drin Goldmann promovierte 1981 als Erste im deutschsprachigen Raum auf dem Gebiet der Didaktik und Methodik des Arabischunterrichts. In der Lehre wird nach wie vor auf Übungsmaterialen aus ihrer Feder zurückgegriffen.

ausgewählte Werke

  • (Hg.): Beiträge zur Fachdidaktik Arabisch: Didaktische und methodische Probleme des modernen Arabischunterrichts. Leipziger Beiträge zur Orientforschung, Band 3, Frankfurt am Main 1993.
  • (zus. mit H. Elsäßer): Wortschatz Politik - Wirtschaft - Geographie: Deutsch-Arabisch/ Arabisch-Deutsch, Wiesbaden 1999.
  • Lernwortschatz Arabisch, Wiesbaden 32004.
  • Arabischer Wortschatz: Lernspiele, Wiesbaden 2006.

 

Drin Regina Karachouli wurde 1941 in Zwickau geboren und studierte nach ihrem Abitur vorerst Deutsch und Russisch auf Lehramt in Leipzig. Anschließend war sie kurzzeitig als Lehrerin tätig. Ihre Liebe zur arabischen Sprache und Literatur motivierten sie jedoch zu einem Zweitstudium der Arabistik. 1981 promovierte Drin Karachouli bei Professor Bellmann auf dem Gebiet der Modernen arabischen Literatur über Dramatik und Theater in Syrien und kann auf eine langjährige Lehr- und Forschungstätigkeit an unserem Institut zurückblicken. Darüber hinaus ist sie für ihre unzähligen literarischen Übersetzungen aus dem Arabischen, so etwa von Werken der palästinensischen Schriftstellerin Saḥar Ḫalīfa oder auch des sudanesischen Romanciers aṭ-Ṭaiyib Ṣāliḥ, bekannt geworden.

ausgewählte Übersetzungen

  • Humaidan, Iman: Fünfzig Gramm Paradies. Roman aus dem Libanon, Basel 2017.
  • Khalifa, Sahar: Heißer Frühling, Zürich 2010.
  • Salich, Tajjib: Zeit der Nordwanderung. Roman aus dem Sudan, Basel 1998.
  • Taher, Baha: Die Oase, Zürich 2007.

Die akademische Laufbahn von Drin Ingelore Goldmann und Drin Regina Karachouli begann nicht etwa in unserem Institutsgebäude in der Schillerstraße 6, sondern im sog. Uniriesen – heute besser bekannt als City-Hochhaus oder MDR-Tower. Dort war seit 1973 auch der Lehr- und Forschungsbereich Nordafrika/Nahost in der 22. Etage angesiedelt. In zwei Großraumbüros und mehreren kleinen Räumen arbeiteten hier circa 40 Mitarbeiter*innen in verschiedenen Abteilungen. Jenes multidisziplinäre Arbeitsumfeld ermöglichte es den beiden Frauen, sich nicht nur innerhalb des 12-köpfigen Team der Sprachabteilung, sondern auch mit Mitarbeitenden anderer Fachgruppen schnell mal zu beraten und auszutauschen. Die bereichsübergreifende Zusammenarbeit wurde außerdem durch eine wöchentliche Arbeitssitzung des Lehr- und Forschungsbereichs gefördert. Die organisatorische Verantwortung für diese Sitzungen hatte die „Bereichssekretärin“, zuletzt Wissenschaftliche Geschäftsführerin genannt – ein Posten, den vorerst Drin Goldmann und nach ihr Drin Karachouli über Jahre hinweg ausübten.

 

Rückblickend erinnern sich die beiden ehemaligen Dozentinnen nicht nur gerne an die multidisziplinäre und kollegiale Arbeitsatmosphäre, sondern auch an die enge Verbindung zwischen den Lehrkräften und Studierenden. Kleine Seminargrößen mit durchschnittlich 12 bis maximal 18 Teilnehmer*innen ermöglichten diesen engen Kontakt. Die Seminargruppen wurden alle zwei Jahre gebildet und blieben im Wesentlichen während des gesamten Grund- und Hauptstudiums zusammen. Sie setzten sich aus neuimmatrikulierten Studierenden der Regionalwissenschaften oder aber aus angehenden Sprachmittler*innen zusammen, welche vorab die fachliche und kaderpolitische Eignungsprüfung erfolgreich bestanden hatten.

Um eine solide sprachliche Grundlage für die fachliche Ausbildung zu gewährleisten, waren die Studierenden im Grundstudium vor allem dazu angehalten, intensiv Arabisch zu lernen. Für die Sprachausbildung standen eine moderne Dolmetschertrainingsanlage und Tonkabinette zur Verfügung. Um die Grammatik zu festigen und das Hörverstehen zu trainieren, wurden in den Lehrveranstaltungen seit den 1970er Jahren häufig Tonbänder eingesetzt – damals ein Novum in der arabischen Lehrpraxis. Der Sprachunterricht als solcher fand in Form von Blockveranstaltungen an zwei Wochentagen statt und umfasste insgesamt 12 Stunden. Die Lehre hatte im universitären Arbeitsalltag generell größte Priorität, was sich etwa darin ausdrückte, dass Seminare niemals ausfallen durften.

Nichtsdestotrotz gab es jedoch eine Vielzahl an Forschungsprojekten sowie auch die freigestellte Möglichkeit zur Promotion für wissenschaftliche Mitarbeiter*innen, welche die beiden ehemaligen Dozentinnen gerne ergriffen. Entsprechend des Profilschwerpunktes der anwendungsbezogenen Sprachwissenschaft wurde von Professor Reuschel die Lehrforschung zum Arabischunterricht gefördert, ein Fachgebiet, auf welchem Drin Goldmann ihre Dissertation einreichte.

Neben den modernen Voraussetzungen für die Sprachausbildung verwiesen die Frauen auch auf einige Bedingungen, welche den Lehr- und Forschungsalltag erschwerten. So musste etwa der Zugang zu Büchern stets extra beantragt werden. War der Zugang dann gewährt und das benötigte Buch auch vorhanden, wurden die wichtigsten Informationen mit mehreren Durchschlägen auf einer Schreibmaschine abgetippt. Dem Literaturmangel und dem streng kontingentierten Bücherankauf der Universitätsbibliothek begegneten alle Dozent*innen mit viel Kreativität und Eigeninitiative. Zusätzliches und authentisches Audiomaterial für den Unterricht wurde etwa über Radiokurzwelle gewonnen, was sehr zeitintensiv war. Darüber hinaus nutzten die Mitarbeitenden der Sprachabteilung die auswärtigen Dolmetscheinsätze, um ganze Bücherkisten für die Bibliothek mitzubringen. Auslandsreisen setzten jedoch stets eine vorherige Beantragung voraus und, ob die Reisegenehmigung dann erteilt wurde, war oft bis zum Abreisetag ungewiss. Die Frauen erinnern sich, dass zwar einer großen Anzahl der Mitarbeitenden eine Reiseerlaubnis ausgestellt, aber auch ohne Begründung wieder entzogen wurde. Manche wiederum, wie etwa Professor Reuschel, erfüllten alle Voraussetzungen, um dem sog. Reisekader anzugehören, erhielten aber nie eine Genehmigung.

Von den eingeschränkten Reisemöglichkeiten waren natürlich auch die Studierenden betroffen. So bestand lediglich für diejenigen, die nach kaderpolitischer Prüfung eine Freigabe erhalten hatten, die Möglichkeit die erworbenen Arabischkenntnisse bei Aufenthalten, z.B. in der damaligen Volksdemokratischen Republik Jemen zu vertiefen und anzuwenden. Folglich profitierten viele Studierende in erster Linie von den Auslandserfahrungen ihrer Dozent*innen. Jedoch verstanden es die angehenden Arabist*innen auch sehr gut, sich eigenständig Zugang zu Sprachmöglichkeiten zu verschaffen. Sie bildeten das, was wir heute als Tandempartnerschaft bezeichnen würden. Positiv hervor heben Drin Goldmann und Drin Karachouli zudem, dass die Studierenden nach ihrem Studium direkt vermittelt wurden. In den meisten Fällen absolvierten diese vorab ein Praktikum in Institutionen, Firmen, Betrieben oder Ministerien und wurden je nach Beurteilung dann direkt übernommen.

An die strukturellen, fachlichen und personellen Veränderungen, welche mit der Wiedervereinigung Ost- und Westdeutschlands einhergingen, erinnern sich die ehemaligen Dozentinnen mit widersprüchlichen Gefühlen. In dieser Zeit waren sie in verschiedenen Gremien zur Umgestaltung des Instituts tätig – Drin Goldmann im Hochschulpersonalrat und Drin Karachouli in der Fachkommission Orientalistik/Afrikanistik.  Somit waren beide in Gremien vertreten, die in der Wendezeit äußerst schwierige strukturelle und personelle Entscheidungen treffen mussten. Letztendlich konnten nur 12 der einstigen 40 Mitarbeiter*innen bleiben. Die Personalreduzierung ging nicht nur zu Lasten des kollegialen Miteinanders, sondern hatte auch gravierende Auswirkungen auf die Lehre. Während die steigende Studierendenanzahl die Effektivität des Sprachunterrichts einschränkte, entstanden wiederum für andere Lehrveranstaltungen, etwa auf dem Gebiet von Literatur und Kultur, nunmehr freizügigere Möglichkeiten und Perspektiven.

Neben der Betroffenheit über die Kündigung vieler Kolleg*innen verbinden Drin Goldmann und Drin Karachouli mit jener Zeit des Umbruchs aber auch geteilte positive Erinnerungen und Erfahrungen. Diese stehen vor allem im Kontext mit der neugewonnen Bewegungsfreiheit. Endlich konnten die Leipziger Dozent*innen die Kolleg*innen aus dem ‚westlichen Ausland‘ persönlich kennenlernen. Beide erinnern sich an den 25. Orientalistentag im April 1991 in München, welcher durch eine große Aufbruchstimmung gekennzeichnet war. Des Weiteren eröffneten sich durch die veränderten materiellen und technischen Bedingungen auch neue Methoden und Arbeitsweisen für den Unterricht. Den Arbeitsalltag erleichterte dabei zuerst und insbesondere, dass das Institut nach der Wende ein eigenes Fotokopiergerät erhielt.

Um mit dem westdeutschen System kompatibel zu werden, wurde das Profil des Lehrstuhls grundlegend verändert. Es verschob sich von der anwendungsbezogenen Sprach- und Übersetzungswissenschaft hin zur stärkeren philologischen Ausrichtung. Dabei haben wir es dem großen Engagement der Mitarbeiter*innen und Studierenden der einstigen Arabischabteilung zu verdanken, dass die jahrzehntelang aufgebaute Sprachmittlerausbildung mit ihrer praxisnahen Spezifik bestehen blieb. Anteil daran hatte vor allem auch Professor Reuschel, der viele Pläne für die Neustrukturierung des Instituts entwickelte, jedoch zur großen Trauer des Kollegiums bereits 1991 verstarb.

Das Orientalische Institut Leipzig wurde schließlich 1994 an die Fakultät für Geschichte, Kunst- und Orientwissenschaften angegliedert. In fachlicher Hinsicht kam es sodann zur Unterteilung in die vier Schwerpunktbereiche Kultur und Geschichte, Arabische Sprach- und Übersetzungswissenschaft, Islamisches Recht sowie Wirtschafts- und Sozialgeographie – von denen heute noch die ersten drei Bestand haben.

Prägende Exponenten

Johann Jacob Reiske

* 25.12.1716 in Zörbig

† 14.08.1774 in Leipzig

Geht es nach Fück (1955: 108), so gilt es Johann Jacob Reiske als „ersten namhaften Arabisten“ Deutschlands hervorzuheben. Denn Reiske hat sich nicht durch seine zahlreichen Textausgaben und Übersetzungen verdient gemacht, sondern vor allem als Begründer einer von der Theologie unabhängigen, philologisch-historischen Orientalistik. Hiermit war er seiner Zeit weit voraus. In seiner Selbstbeschreibung als „Märtyrer der arabischen Literatur“, kommt mithin zum Ausdruck, dass sein Ringen um ein neues Orientalistik-Konzept mit Entbehrungen und Anfeindungen einherging.

Nach seiner Schulausbildung in Halle begann Reiske ab 1733 an der Universität Leipzig Theologie zu studieren und entdeckte dort bald seine „unsägliche und unaufhaltsame Begierde, arabisch zu lernen“ (Reiske 1783: 9). Fünf Jahre darauf verschlug es ihn dann nach Leiden, um hier die arabische Handschriftensammlung einzusehen, abzuschreiben und auszuwerten. Nebenbei besuchte der arabische Autodidakt auch Lehrveranstaltungen beim berühmten holländischen Orientalisten Albert Schultens (1686-1750) und Gräzisten Tiberius Hemsterhuys (1685-1766). Seine „wahrheitsliebende, kompromißlose [!] Art, die vor bekannten Namen keine Scheu kannte“ (Preißler/Kinitz 2008: 417), führte aber dazu, dass ihm ein philologischer Doktorgrad verwehrt wurde. Dies veranlasste Reiske wiederum zu einem zusätzlichen Medizinstudium und einer daran anschließenden Dissertation zur arabischen Medizin. Nach seinem Abschluss kehrte Reiske 1946 nach Leipzig zurück, wo er sich vorerst mit philologischen Hilfsarbeiten verdingte. Zwei Jahre später erfolgte dann seine Ernennung zum außerordentlichen Professor für Arabisch – jedoch wussten Reiskes Fachkollegen seine akademische Laufbahn an der Universität zu verhindern. 1758 wurde er schließlich zum Rektor der Leipziger Nikolaischule ernannt, ein Amt, das er bis zu seinem Tod bekleidete.

ausgewählte Werke

  • Abulfedae Annales Muslemici et Latina. Opera et Studiis Io. Jacobi Reiskii, 5 Bde., Copenhagen 1789-1794.
  • Apparatus Critics Ad Demosthenem, Leipzig 1744-1745.
  • Animadversiones ad Graecos autores, 5 Bde., Leipzig 1757-1766.
  • Constantini Porphyrogeniti Imperatoris De Cerimoniis aulae Byzantinae libri duo, rec. Johann Jacob Reiske, 2 Bde., Leipzig 1751-1754.

weiterführende Literatur

  • Bobzin, Hartmut: Reiske, Johann Jacob, in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 391-392.
  • Ebert, Hans-Georg/Hanstein, Thoralf (Hg.): Johann Jacob Reiske – Leben und Wirken. Ein Leipziger Byzantinist und Begründer der Orientalistik im 18. Jahrhundert. Beiträge zur Leipziger Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, Leipzig 2005.
  • Fück, Johann: Die arabischen Studien in Europa bis in den Anfang des 20. Jahrhunderts, Leipzig 1955.
  • Preißler, Holger/Kinitz, Daniel: Arabistik, in: Häuser, Franz (Hg.): Geschichte der Universität Leipzig 1409-2009, Leipzig 2009, S. 415-438.
  • Reiske, Johann Jakob: Lebensbeschreibung, hrsg. von Ernestine Christine Reiske, Leipzig 1783.

 

Heinrich Leberecht Fleischer

* 21.02.1801 in Schandau

† 10.02.1888 in Leipzig

Heinrich Leberecht Fleischer bezeichnen wir zu Recht als den bedeutendsten deutschen Arabisten des 19. Jahrhunderts. So vermochte er es nicht nur die Arabistik aus den Fesseln der Theologie zu lösen und an die philosophische Fakultät anzugliedern, sondern trieb auch die Methodisierung des Fachbereichs maßgeblich voran und verhalf der Arabistik in Leipzig zu internationalem Ansehen.

Nach seinem Studium der Theologie und Klassischen Philologie an der Universität Leipzig (1819-1824) entschloss sich Fleischer zu einem vertiefenden Studium der Orientalischen Sprachen in Paris – dem „Mekka“ der Arabisten seiner Zeit. Hier studierte er u.a. für drei Jahre Arabisch und Persisch beim renommierten Orientalisten Sylvestre de Sacy (1758-1838) am École spéciale des langues orientales vivantes. 1828 kehrte er mit vielen Ideen und einem mit Offenheit, aber auch kritischer Sicht geformten Charakter nach Deutschland zurück. Nach einer Phase mit völlig unsicheren Existenzbedingungen, fand er schließlich eine Anstellung an der Dresdner Kreuzschule (1831-1835). Im Frühjahr 1836 erhielt er dann den erhofften Leipziger Lehrstuhl für Orientalische Philologie, den er bis zu seinem Tod innehatte. Im Rahmen seiner Dozententätigkeit widmete sich Fleischer vorzugsweise der Einführung ins Arabische, Persische und Türkische. Weitere Schwerpunkte zeichneten sich schon seit seiner Pariser Zeit ab: arabische Grammatik und Lexikografie, Koraninterpretation und die Sammlung "1001 Nacht". Zwar mag Fleischer nicht viele Schriften hinterlassen haben – ganz getreu seines Mottos, „dass es in der Gegenwart um vieles mehr zu Lesen als zu Schreiben gäbe" – jedoch tat er sich in der Lehre besonders hervor. Zudem war Fleischers Wirkungszeit durch eine zunehmende Institutionalisierung und Verwissenschaftlichung der Orientalistik gekennzeichnet. In diesem Rahmen wurde 1845 von Fleischer und anderen Orientalisten auch die privatwissenschaftliche Deutsch Morgenländische Gesellschaft (DMG) in Darmstadt gegründet.

ausgewählte Werke

  • Kleineren Schriften, 3 Bde., Leipzig 1885-1888.
  • Beidhawii Commentarius in Coranum, 2 Bde., Leipzig 1846-1848.

weiterführende Literatur

  • Ebert, Hans-Georg/Hanstein, Thoralf (Hg.): Heinrich Leberecht Fleischer – Leben und Wirkung. Ein Leipziger Orientalist des 19. Jahrhunderts mit internationaler Ausstrahlung. Leipziger Beiträge zur Orientforschung. Band 30, Frankfurt am Main 2013.
  • Fück, Johann: Die arabischen Studien in Europa bis in den Anfang des 20. Jahrhunderts, Leipzig 1955.
  • Mangold, Sabine: Eine „weltbürgerliche Wissenschaft“. Die deutsche Orientalistik im 19. Jahrhundert, Stuttgart 2004.
  • Preißler, Holger/Kinitz, Daniel: Arabistik, in: Häuser, Franz (Hg.): Geschichte der Universität Leipzig 1409-2009, Leipzig 2009, S. 415-438.

Albert Socin

* 13.10.1844 in Basel

† 24.06.1899 in Leipzig

Nach dem Tode Fleischers (1801-1888) übernahm sein ehemaliger Student Albert Socin die Wiederbesetzung des Leipziger Lehrstuhls. Gemäß Preißler und Kinitz (2009: 426) kann Socin hierbei als „neue[r] Typ des Orientalisten“ hervorgehoben werden, „der sein Forschungsgebiet nicht mehr nur aus Büchern und Bibliotheken kannte, sondern auch über eine vorzügliche praktische Kenntnis der Länder des Nahen Ostens verfügte“.

Socin entstammte aus einer angesehenen Kaufmannsfamilie aus Basel, wo er auch seine Schulausbildung abschloss und Philologie, Philosophie und Theologie zu studieren begann. Der Studienstandort Basel wurde seiner „brennende[n] Lernbegierde“ (Kreutzsch 1908: 371) für die orientalischen Sprachen jedoch nicht gerecht, weshalb er 1864 an die Universität Göttingen und schließlich nach Leipzig und Halle wechselte. Hier schloss er dann auch seine Promotion ab. Nach einem kurzen Aufenthalt an der Universität Berlin, entschied sich Socin gemeinsam mit seinem Studienfreund Eugen Prym (1843-1913) zu seiner ersten 18-monatigen Forschungsreise (1969/70) in den sog. „Vorderen Orient“. Ihr Ziel war es hierbei nicht nur, sich arabische Handschriften anzueignen, sondern auch die modernen arabischen Dialekte zu erforschen. Nach seiner Rückkehr habilitierte Socin an der Universität Basel und wurde dort zum außerordentlichen Professor für Orientalische Sprachen ernannt. Von Basel aus machte er sich auch zu seiner zweiten, vom Baedeker Verlag finanzierten, Reise nach Palästina und Syrien auf (1973). 1876 übernahm er dann die Professur für Semitische Sprachen an der Universität Tübingen und wurde im Folgejahr zum Mitbegründer des Deutschen Vereins zur Erforschung Palästinas. Socins akademische Karriere endete schließlich an der philologischen Fakultät Leipzig, wo er als ordentlicher Professor für Orientalische Sprachen bis zu seinem Tod dozierte.

ausgewählte Werke

  • Handbuch für Reisende. Palästina und Syrien. Karl Baedeker, Leipzig 1875.
  • Arabische Sprichwörter und Redensarten, Tübingen 1878.
  • Arabische Grammatik. Paradigmen, Literatur, Chrestomathie und Glossar, Karlsruhe [u. a.] 1885.
  • (zus. mit R. Smendt) Die Inschrift des Königs Mesa von Moab. Für akademische Vorlesungen, Freiburg i. Br. 1886.
  • (zus. mit H. Stumme) Der arabische Dialekt der Houwārā des Wād Sūs in Marokko, Leipzig 1894.
  • (zus. mit E. Prym) Kurdische Sammlungen. Erzählungen und Lieder in den Dialekten des Tur Abdin und von Bohtan, 2 Bde., St. Petersburg-Leipzig 1890.

weiterführende Literatur

  • Kautzsch, Emil: Socin, Albert, in: Allgemeine Deutsche Biographie 54 (1908), S. 371-375.
  • Mangold, Sabine: Eine „weltbürgerliche Wissenschaft“. Die deutsche Orientalistik im 19. Jahrhundert, Stuttgart 2004.
  • Preißler, Holger/Kinitz, Daniel: Arabistik, in: Häuser, Franz (Hrsg.): Geschichte der Universität Leipzig 1409-2009, Leipzig 2009, S. 415-438.

Hans Bernhard Stumme

* 03.11.1864 in Mittweida

† 20.12.1936 in Dresden

Hans Stumme, der 1895 zu einer südmarokkanischen Berbersprache (Dichtkunst und Gedichte der Schluh) bei Socin habilitierte, tat sich nicht nur als besonders sprachbegabter Orientalist hervor, sondern auch als Pionier der Erweiterung der Orientalistik um die nordafrikanischen Sprachen. Nach wie vor gilt er als einer der „wenigen Experten in Europa auf dem Gebiet der Berberologie“ (Brahm/Jones 2008: 297).

Von 1886 bis 1889 studierte der gutgestellte Bürgermeistersohn Stumme Orientalistik an den Universitäten Tübingen, Halle, Leipzig und Straßburg. Hierbei fiel er besonders durch seine Fähigkeit der „phonetisch genau wiedergegebenen gesprochenen Sprache“ (Bobzin 2013) auf. Bereits im Rahmen seiner Studienzeit absolvierte Stumme seine erste von vielen folgenden Reisen nach Nordafrika, um die maghrebinisch-arabischen und Berberdialekte zu erforschen. Nach seiner Habilitation wurde er vorerst Privatdozent, dann außerordentlicher Professor (1900-1909) für Orientalische Philologie und schließlich bis zu seiner Emeritierung (1930) Honorarprofessor für „Neu-Arabistik und hamitische Sprachen Afrikas“ an der Philosophischen Fakultät Leipzig. Studierende der Orientalistik konnten bei ihm Lehrveranstaltungen besuchen, die ausschließlich auf Arabisch abgehalten waren sowie auch Sprachkurse in Persisch, Türkisch sowie Suahili, Haussa und Kanuri belegen. Darüber hinaus veranstaltete Stumme seit 1902 auch jedes Semester Gratisübungen für „neuarabische und afrikanische“ Sprachen.

ausgewählte Werke

  • Grammatik des tunisischen Arabisch, Leipzig 1896.
  • Handbuch des Schilhischen von Tázerwalt, Leipzig 1899.
  • Arabisch, Persisch und Türkisch in den Grundzügen, Leipzig 1902.
  • Über die deutsche Gaunersprache, Leipzig 1903.

weiterführende Literatur

  • Bobzin, Hartmut: Stumme, Hans, in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 646-647.
  • Brahm, Felix/Jones, Adam: Afrikanistik, in: Häuser, Franz (Hg.): Geschichte der Universität Leipzig 1409-2009, Leipzig 2009, S. 295-324.
  • Preißler, Holger/Kinitz, Daniel: Arabistik, in: Häuser, Franz (Hg.): Geschichte der Universität Leipzig 1409-2009, Leipzig 2009, S. 415-438.
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